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Wie es ist, einen Traum zu leben

Es ist wahr geworden – ich lebe tatsächlich jetzt in Afrika. Ich hab mich von meinem neuen Zuhause in Norwegen verabschiedet, von all den wundervollen Menschen dort und der Bequemlichkeit, die ich dort hatte. Komischerweise habe ich in Norwegen noch gar nicht realisiert, dass ich tatsächlich bald in Sambia sein würde. Ich habe alles dort so lieb gewonnen, dass ich eigentlich gar nicht unbedingt weg wollte. Alle sind gekommen, um sich von uns zu verabschieden und uns auf unserer lange Reise zu schicken. Insgesamt sind wir 28 Stunden unterwegs gewesen, sind von Hornsjø nach Oslo gefahren, sind von dort aus nach Amsterdam und dann nach Kenia geflogen. In Kenia hatten wir sechs Stunden Aufenthalt, der auf acht verlängert wurde, weil unser Flugzeug kaputt war und repariert werden musste. Glücklicherweise haben wir im Gegenzug Essen umsonst bekommen und so waren wir nicht ganz so hungrig. Ich konnte das Flugzeugessen nämlich auch nicht wirklich essen, reisen mit all meinen Allergien ist gar nicht immer so einfach. Von Kenia aus ging’s dann nach Ndola, einem winzig kleinen Flughafen, von dem wir von jemandem von DAPP, der Organisation, mit der wir arbeiten, abgeholt wurden.

Mein erster Eindruck von Sambia: Afrika wie im Bilderbuch. Überall sieht man Frauen mit kiloweise Früchten auf dem Kopf, Kinder fahren mit viel zu großen alten Fahrrädern über die staubigen Straßen und die ganze Stadt wirkt, als wäre man ein paar Jahrzehnte zurück gereist.
Schon von Anfang an haben sich viele der Geschichten und Warnungen, die ich mit auf dem Weg bekommen habe, nicht bewahrheitet. Wir wurden nicht wirklich von allen angestarrt und es gab keine Kinder, die nach Geld gebettelt haben. Dafür wurden wir sehr freundlich in unserer Unterkunft in Ndola von den DIs (Development Instructors) dort empfangen. Unsere erste Unterkunft hatten wir nur für zwei Nächte, sie war aber super gut ausgestattet, denn wir hatten immer fließend Wasser und Strom und sogar eine Waschmaschine und einen Ventilator. In meinen Augen war das gesamte Haus damals allerdings auch sehr auf das Wichtigste reduziert und nicht gerade luxuriös. Trotzdem haben wir in einer sehr reichen Gegend gelebt, wodurch wir sehr sicher gelebt haben.

Erst später habe ich gemerkt, wie gut es sein kann minimalistisch zu leben. Durch die Leere und den vielen Platz konzentriere ich mich so auf das Wichtigste und habe mehr Raum für meine Gedanken. Das alles hat mich definitiv dazu inspiriert, mal so richtig auszumisten, wenn ich nach Hause komme.

Am nächsten Tag hatten wir im DAPP Hauptbüro einige Einführungsmeetings. Wir wurden unendlich vielen Mitarbeitern dort vorgestellt. Ich kann mich an so gut wie keine Namen erinnern, die jeweils anderen konnten dafür unsere Namen. Wirklich gute neue Freunde haben wir dort nicht gefunden, die Konversationen beliefen sich eher auf Fragen wie “Wie heißt du?”, “Wie geht’s dir?” und “Woher kommst du?” Trotzdem haben sich alle immer gut um uns gekümmert, wir haben fantastisches Essen bekommen, es wurde für uns eingekauft und wir würden überall mit dem Auto hingefahren, um für unsere Sicherheit zu sorgen.

Ich habe mich die meiste Zeit viel sicherer gefühlt als erwartet. Trotzdem fühlt es sich komisch an, als Fremder in diese Welt zu kommen, die man gar nicht kennt und die man erst langsam kennen lernen muss. In Europa musste ich auch, seit ich klein bin, immer ein bisschen mehr der Erwachsenenwelt dazu lernen. Alleine Bahn zu fahren, einkaufen zu gehen oder Kreditkarten zu bestellen. Mittlerweile bin ich so an diese Welt gewöhnt, dass all das kein Problem mehr für mich darstellt. Also ist es Zeit den nächsten Schritt zu gehen und mich der afrikanischen Realität zu stellen. Das bedeutet sich wieder ein bisschen wie ein Kind zu fühlen. Auf ganz viele verschiedene Arten und Weisen. Zum einen werden alle Einheimischen so, wie wir Erwachsene sehen, wenn wir klein sind. Sie haben viel mehr Ahnung von dieser Welt und bringen uns alles Mögliche bei. Wir sind mehr auf sie angewiesen, weil wir nicht genau wissen, wie wir uns hier verhalten müssen. Wir müssen so viel lernen. Wie man Nshima mit Händen isst, wie man seine Wäsche ohne Waschmaschine wäscht und wie man ohne Strom und Wasser leben kann. Mittlerweile leben wir nämlich in Mkushi, wo wir oft ohne Strom und Wasser auskommen müssen, aber dazu später mehr.

Außerdem fühle ich mich dadurch, dass es hier so warm ist, immer so als wäre ich wieder ein Kind und hatte unendlich viel Zeit, um draußen mit meinen Freunden zu spielen. Denn auch das Gefühl von Zeit ist hier total anders. Das bedeutet gar nicht unbedingt, dass alle immer zu spät kommen, sondern eher, dass alles viel langsamer gemacht wird. Man nimmt sich für alles mehr Zeit und folgt weniger strikten Zeitplänen. Denn man kann auch einfach nicht so gut planen und muss flexibel sein, weil man nie weiß, wann man mal Wasser hat oder Strom oder sogar beides. Dadurch ist man wieder viel mehr auf seine Grundbedürfnisse reduziert und jedes Mal, wenn wir dann doch mal Wasser oder Strom haben, ist das das Erlebnis des Tages. Also ist es auf der anderen Seite auch schön etwas zu haben, auf das man sich freuen kann.

So, was genau ist jetzt dieser komische Ort ohne Strom und Wasser, an dem ich jetzt lebe?

Nach unseren Meetings in Ndola haben einen weiteren Tag in der Stadt verbracht, wurden von unserem Projektleiter auf eine Graduationparty seines Neffen mitgenommen, haben die ganze Stadt nach SIM-Karten abgeklappert und nach langer Zeit welche gefunden. Dann haben wir unendlich viel Essen eingekauft und uns auf den Weg nach Mkushi gemacht. Mkushi ist eine Stadt nahe der Grenze zur DR Kongo. Nach drei Stunden Autofahrt, eingequetscht mit all unseren Gepäck, sind wir spät abends an einem Ort etwas entfernt von Mkushi angekommen. Hier leben wir jetzt auf dem Campus einer Schule für angehende Lehrerinnen und Lehrer. Die Schule gehört auch zu DAPP und wir werden hier helfen, die Schule so gut wie möglich zu entwickeln. Wir haben alle unsere eigenen kleinen Jobs, sind aber trotzdem auf jeden Fall dazu eingeladen, jedes Projekt, dass uns sinnvoll erscheint, ins Leben zu rufen. Ich werde in der Schulbücherei arbeiten und den Schülern bei ihren Aufgaben helfen.

Wir leben hier zusammen in einem Haus ganz für uns. Wie schon erwähnt, gibt es oft kein Wasser und keinen Strom. Wir gewöhnen uns langsam daran, es ist dennoch eine große Umstellung. Das Wasser hier ist theoretisch trinkbar, darauf verlassen wie uns aber nicht und stattdessen kochen wir unser Wasser immer ab. Das bedeutet, wir brauchen Wasser UND Strom, um etwas zu trinken zu haben. Es ist also immer ein Balanceakt, um an trinkbares Wasser zu kommen.

Auch Essen zu kochen ist anders. Von unserem Herd funktioniert nur eine Herdplatte und auch nur, wenn wir Strom haben. Wir müssen also lernen, abends im Dunklen überm Feuer zu kochen, was gar nicht so einfach ist. Mittags essen wir immer mit allen zusammen eine große Portion Nshima und zwar jeden Tag. Es gibt da keine Ausnahme. Uns wurde erzählt, dass eine Mahlzeit mit Reis oder Kartoffeln nie als ganze Mahlzeit gezählt wird, es muss Nshima geben, um es als Essen betiteln zu können. Nshima ist praktisch wir Porridge, man nimmt statt Haferflocken aber Maismehl.

Wettertechnisch gibt es hier bislang keine großen Probleme, es ist zwar sehr warm, aber aushaltbar. Bis jetzt hat sich auch niemand großartig verbrannt oder ähnliches. Langsam fängt es an hier mehr und mehr zu regnen, der Regen trommelt schon immer ordentlich auf unser Metalldach und wir bekommen dadurch mehr und mehr Mücken. Bis jetzt hab ich noch keinen einzigen Mückenstich, aber das könnte sich mit der Regenzeit jetzt ändern.

Apropos Mücken: Ich bin mittlerweile viiiiel, viel besser darin Tabletten zu schlucken, also habe ich zumindest das hier schon mal gelernt. Ähnlich wie das werde ich noch so viel mehr Neues für mich mitnehmen können, da bin ich mir ganz sicher. Ich weiß auch, dass das nicht immer super einfach ist, aber dafür habe ich viel Unterstützung von meinem Team und meiner Herde.

Ich hoffe sehr, dass sich meine Herde hier noch mehr vergrößern wird. Schon jetzt habe ich unendlich viele Menschn kennengelernt, kenne die meisten dennoch nur flüchtig. Wir haben zum Beispiel mit den Schülern hier traditionelles Tanzen und Netball gelernt, haben mit den Kindern aus dem Dorf Fußball gespielt und ich habe eine super tolle Freundin gefunden, von der ich im nächsten Post noch mehr berichten werde. Ich bin mir sicher, dass sich noch viele weitere Freundschaften entwickeln werden. Auch mit vielen der Menschen, die hier arbeiten verstehe ich mich super gut. Ruth, eine der Verantwortlichen für uns, ist schon eine Oma, aber mega lieb und es macht viel Spaß Zeit mit ihr zu verbringen.

Wir in unserer Position an der Schule sind in der Hierarchie irgendwo zwischen Schüler und Lehrer angeordnet. Das macht es manchmal schwierig zu wissen, wie man sich verhalten soll und wo man hingehört. Wir essen zum Beispiel mittags immer mit allen Lehrern, spielen dann aber nachmittags mit den Schülern Volleyball. Anfangs dachte ich dadurch würden wir einfach nirgendwo hinpassen, aber eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Es öffnet viele Türen, wir sind Teil beider Gruppen und haben die Chance die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern zu verbessern.

So, das war’s jetzt erstmal von meinen ersten Erfahrungen und Gefühlen aus Sambia. Wenn du noch irgendwelche Fragen hast, bezüglich Sambia und allem, was ich hier so mache, immer in die Kommentare damit.

Ansonsten hoffe ich, es geht dir gut, und bis zum nächsten Mal!

Deine Anne

Ein Kommentar

  • Björn D.

    Moin Anne,
    das klingt echt befremdlich nicht zu wissen wann und ob es Strom und Wasser gibt. Für dich fühlt sich das in ein paar Wochen vermutlich ganz normal an. Krass.
    Schön zu lesen, dass du klar kommst. Redet ihr da mit allen nur englisch oder lernst du auch andere Sprachen?
    Was haben Mücken mit Tabletten zu tun? Schluckst du die, damit du vor fiesen Krankheiten geschützt bist wenn ne Mücke dich sticht?
    So und jetzt frohes Schaffen! 💪🏿

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